Jetzt wird es ernst, die Zeit der Tests ist vorbei.



Nach dem letzten Rennen in Valencia im November 2002 waren natürlich alle im Team froh, dass endlich einmal Ruhe einkehrt. Wir waren in den letzten vier Wochen des Jahres 2002 allein 52 Stunden im Flugzeug unterwegs und dazu noch etwa 6000 km auf der Strasse. Man ist ausgepowert und müde nach einer kompletten WM- Saison. Man fiebert nach einigen Tagen Urlaub, doch die Zeit drängte schon wieder. Im Dezember 2002 standen dann gleich viele Pressetermine, Feierlichkeiten und Ehrungen zum Jahresabschluss auf dem Programm und natürlich galt es auch den Sponsoren zu danken und die Verträge für das neue Jahr auszuhandeln. Mein Teamwechsel hat mich auch viel Zeit und Nerven gekostet, und so bin ich erst in den Weihnachtstagen erstmals zur Ruhe gekommen.

Eigentlich sind es nur diese Tage, über das Weihnachtsfest und Silvester, wo man konzentriert Zeit hat für Familie und Freunde, d.h. für etwas Urlaub.

Ab dem ersten Tag des neuen Jahres beginne ich normalerweise wieder mit dem Konditionstraining, dies um meinen Körper für die Rennen fit zuhalten. Leider hatte ich, wie auch in den vergangenen Jahren, nicht soviel Zeit dafür, wie ich mir wünschte. Eine Messe jagte die andere und dazu kamen noch Präsentationen für das neue Team. Dieses Jahr habe ich in den Wintermonaten auch mehr Zeit als sonst in Italien verbracht, um mich auf meine Crew einzustellen und die neue Mannschaft kennen zu lernen.





Endlich kam dann der geplante 14. Januar 2003. Es war soweit, die Taschen wurden gepackt und ich war voller Freude, nun das neue Bike zum ersten Mal in Jerez/ Spanien zu testen. Dann die Enttäuschung kurz vor meiner Abreise. Ich erhalte einen Anruf und aus war der Traum! Meine Aprilia war noch nicht fertig und bleibt noch bis Anfang Februar im Werk in Noale, so die Botschaft aus Italien.

Aber dann kam der 5. Februar 2003 und ich starte in Valencia um 11.00 Uhr bei ca. 15 °C zur ersten Runde mit meinem neuen Arbeitsgerät.



Wir testen zwei Tage, alles verläuft reibungslos und am Ende bin ich mit 1.41.4 nur ca. eine Sekunde über meinem Rundenrekord aus 2002 geblieben. Normalerweise brauche ich länger, um in Fahrt zu kommen, also bin ich mit dem Testergebnis wirklich zufrieden.

Wenige Tage später, es ist Mitte Februar: Wir fahren zu den offiziellen IRTA Tests nach Jerez/ Spanien und Estoril/ Portugal. Mit dabei ist diesmal das ganze Team und auch mein Teamkollege Gabor Talmacsi.

Gabor hat wenig Glück und muss nach einem Sturz am ersten von vier Trainingstagen mit gebrochenem Handgelenk aufhören.



Wir testen in Jerez viele Motorenteile und spezielle Einstellungen für die Zündung. Für Fahrwerkstests ist das Wetter zu schlecht, denn wir haben im Ganzen nur eine Stunde eine trockene Piste. Bei dem Versuch, doch ein wenig auf Zeitenjagd zu gehen, stürze ich, habe aber Glück und verletze mich nicht dabei. Die gefahrene Zeit von 1.50.6 min, inoffizieller 7. Platz, war nicht schlecht, aber viele Daten, die wir für die Rennen sammeln wollten, lieferte dieser Test nicht.

Zwei Tage später in Estoril finden wir leider die gleichen schlechten Bedingungen vor. Die ganze iberische Halbinsel war von einer Schlechtwetterfront aufgesucht, in Deutschland schien die Sonne!

Verrückte Welt im Februar. Ich hatte große Probleme mit der Abstimmung meines Hinterrades, denn ich konnte einfach nichts davon fühlen. Die "Rückmeldung" fehlte, die man benötigt, um ein Motorrad im Grenzbereich zu bewegen. Nach diesen Testtagen in Portugal haben wir ungefähr eine Vorstellung, in welche Richtung wir am Fahrwerk weiterarbeiten müssen. Nun war es die Aufgabe des Teams, die entsprechend gewünschten Änderungen vorzunehmen und die Teile wurden bei Aprilia geordert.

Wir setzten deshalb einen weiteren Test am 12. und 13. März an, in Valencia. Für alle ist klar, die letzten beiden Testtage beginnen vor der Abreise zum ersten WM- Lauf nach Japan. Das Wetter ist gut und wir haben Gelegenheit viele Runden unter gleichen Bedingungen zu fahren.



Wir testeten die neuen Öhlins Federelemente für 2003 und wieder verschiedene Motoreinstellungen. Mit dem Motor bin ich sehr zufrieden, er ist standfest und fühlt sich auch kraftvoll an. Die Fahrwerksteile, die ich probieren wollte, um mehr Gefühl für den Hinterreifen zu bekommen, sind leider noch nicht fertig gewesen und ich war mit 1.41.2 min auch nur zwei Zehntel schneller als im Februar auf der gleichen Strecke. D.h. etwa 1,5 Sekunden z.B. hinter Dani Pedrosa. Dies war nicht befriedigend.


Aber dennoch: Ich bin für den ersten Grand Prix in Suzuka/ Japan optimistisch. Es war bisher immer so, d.h…. normalerweise kann ich im ersten Rennen einiges kompensieren! So war ich in den letzten drei Jahren immer vorn dabei, wenn die Ampel zum ersten Grand Prix auf Grün schaltete. Und letztes Jahr hätte ich unter normalen Bedingungen das Ding gewonnen, was vorher damals keiner für möglich gehalten hat. Dies ist Motivation genug. Tests sind die eine Sache, im Rennen gibt es Chancen. Wir versuchen natürlich auch in den freien Trainings in Japan noch einiges, was wir noch nicht testen konnten zu probieren, und wenn möglich die bestellten Fahrwerksteile einzusetzen.

Also nun wird es ernst. Die rennfreie Zeit ist wieder vorbei und ich hoffe Ihr schaut Euch die Rennen live im TV an. Auch wenn Ihr um vier Uhr aufstehen müsst um meinen Start in Suzuka live zu verfolgen, seit bitte dabei und drückt mir kräftig die Daumen!

Und online, über www.raceoffice.com, wird mein Rennbüro Euch, beginnend aus Japan, über die gesamte Saison aktuell informieren.

Euer Steve Jenkner



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